Home Die Bücher Verirrt

Erzählungen
Aus dem Persischen von Kaweh Parand
Hildesheim, IKW-Verlag
1992

ISBN 3-910069-22-3

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Der Mensch, der gezwungen wird, seine Heimat zu verlassen, um in der Fremde zu leben, gleicht einem Verirrten. Um zu sich zu finden, nimmt er die Suche auf und beobachtet dabei genau das Verhalten der Menschen seines Gastlandes. Aber wird er sein eigenes Ich jemals wieder finden?

Die Erzählungen dieser Sammlung sind eine Symbiose von Traum und Wirklichkeit. Aus dem Fenster seiner Phantasie schaut der Iraner Mahmood Falaki auf eine Welt, in der der Mensch unter Strukturen der Macht und Technik seine Existenz zu vergessen scheint.

Der Erzählung „ Der Hof des Friedens“ aus diesem Band wurde in einem Kurzgeschichtswettbewerb ein Preis verliehen.

 

Rezensionen:

1. DIE ZEIT

Die makabren Geschichten des iranischen Dichters Mahmood Falaki

 

Schwarze Wunder

Peter Schütt

Ein Autor, den man sich merken sollte: Mahmood Falaki. Sein erstes Buch in deutscher Sprache ist eine gut ausgewählte, von Kaweh Parand sorgfältig und feinfühlig ins Deutsche übersetzte und ansprechend gestaltete Sammlung von vierzehn Erzählungen und Kurzgeschichten, die teils in der iranischen Heimat des Autors und teils in seinem deutschen Asyl -und Exilland spielen und mehr oder weniger autobiographische Züge tragen.

Meisterhaft und von grotesk tragikomischem Humor geprägt ist Falakis Eingangsgeschichte. Als Asylbewerber bekommt der Autor einen Arbeitsplatz auf einem Friedhof zugewiesen. Da er kaum Deutsch spricht und nur ein kleines Taschenbuch zur Hand hat, findet er heraus, dass er auf einem „parkähnlichen Hof des Friedens“ arbeiten soll. Er fühlt sich geschmeichelt und nimmt voller Stolz das Angebot des Sozialamtes an. Prompt erlebt er sein schwarzes Wunder als ihm der Friedhofsgärtner die Schaufel zum Grabausheben in die Hand drückt. Auch die nächste Erzählung lässt an Hamlet erinnern und hat einen deutschen Friedhof zum Schauplatz. Asylbewerber aus Polen, dem Iran und anderen Ländern beschimpfen sich gegenseitig als „Konterrevolutionäre“, ehe sie mühsam begreifen, wie wirklichkeitsfremd ihre ideologischen Raster angesichts der Lebenserfahrungen jedes einzelnen Flüchtlings geworden sind.

Falakis Geschichten haben einen Hang zum Makabren. Das wird in der Erzählung „ Der Geruch“ am allerdeutlichsten. Eine iranische Familie erlebt den Tod eines Kindes- und atmet fast erleichtert auf, denn nun haben die Familienangehörigen endlich zwölf Tote zu beklagen, in jedem Monat einen, der im Krieg gefallen ist, hingerichtet wurde oder eines natürlichen Todes starb. Eine andere Geschichte erzählt mit kriminalistischem Geschick von einem Selbstmörder, der im Moment, als er sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben nehmen will, von einem gedungenen Mörder im Auftrage des Terrorregimes in seiner Heimat heimgesucht wird- ein düsteres, halb arabesk, halb kafkaesk entfaltetes Gleichnis über die Ängste des Exilierten. Die Titelstory „Verirrt“ berichtet vom Alptraum eines jahrzehntelang Verbannten. Er kehrt heimlich in seine Heimat zurück und stellt fest, dass ihn dort niemand mehr kennt den Weg zu seinem Elternhaus zeigen kann.

Es sind allesamt traurige Geschichten, die Mahmood Falaki erzählt, aber er erzählt sie einem bemerkenswerten Sinn für groteske, widersinnige und surreale Berechnungen. Falakis Erzählkunst spricht für sich selber, aber sie leugnet ihre Wurzeln nicht. Sie knüpft zum einen an die epischen Traditionen seiner iranischen Heimat an, bedient sich aber zugleich der modernen Verfremdungstechnik der westlichen Literatur. So entwickelt er gegenüber seinen elenden vom Schicksal gebeutelten und vom Leid des Exils gezeichneten Figuren eine Art ironischer Distanz. Seine Helden sind orientalische Verwandte Don Quixotes. Es sind resignierte Intellektuelle, gescheiterte Weltverbesserer und müde Revolutionäre, die von den eigenen Vorbildern verraten wurden- offenkundig Spiegelungen der persönlichen Enttäuschungen des Autors. Mahmood Falaki wurde 1951 in einem kleinen Dorf am Kaspischen Meer geboren und begann schon als Jugendlicher Gedichte und Erzählungen zu veröffentlichen. Wegen ihres sozialkritischen Inhalts wurde er 1976 verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er größtenteils im berüchtigten Teheraner Ewin-Gefängnis verbüßte. In seinem Gedichtband “Sichel über dem Weizen“ feierte er die Islamische Revolution des Jahres 1979, der er zugleich seine Freilassung verdankte.

Doch der „Frühling der Freiheit“ war nur von kurzer Dauer. Als ihm 1983 abermals die Verhaftung droht, gelingt ihm unter Lebensgefahr die Flucht nach Deutschland. Seit seiner Anerkennung als politisch Verfolgter lebt er in Hamburg. Er hat seither fünf Lyrik- und Prosabücher in iranischen Exilverlagen veröffentlicht, hat aber in der deutschen literarischen Öffentlichkeit bislang nur wenig Resonanz gefunden. Das sollte sich ändern.

DIE ZEIT Nr.29

16.Juli 1993

 

2.

Die unerträgliche Schrecklichkeit des Seins

Fahime Farsaie

Die Figuren in den Erzählungen des iranischen Autors Mahmood Falaki halten sich für verrückt. Sie sehen Gespenster. Sie haben Visionen. Sie träumen, und zwar mit offenen Augen. Sie leben mit den Schatten, äußern sich mit Geschrei. Das Buch selbst heißt „ Verirrt“. Es ist ein Erzählabend mit 115 Seiten und besteht aus drei Teilen. Der erste Teil umfasst sieben Erzählungen, die sich ausschließlich mit der Problematik „ In-der-Fremde-sein“ auseinandersetzen. Die fünf Geschichten des zweiten Teiles spielen im Iran. Der dritte Teil des Buches, der aus zwei Erzählungen besteht, hat keinen Schwerpunkt. Das Pendeln zwischen den eigenen Vorstellungen der Figuren und der zerstörenden Konfrontation mit den harten Tatsachen machen die inhaltlichen und stilistischen Gemeinsamkeiten aller Geschichten aus. Ein Buch der Alpträume oder der Wirklichkeit? – Beides. Ein Verirrter sitzt in einem Irrenhaus im Iran und versucht, der Tatsache dieser entsetzlichen Ereignisse zu entgehen. Und zwar mit einem eigenartigen und merkwürdigen Mittel: Dem Geschrei! Weil er in einem schwierigen Leben die Erfahrung gemacht hat, dass alles Elend, das Leid und der Kummer in seinem Schicksal mit dem Schreien der anderen angefangen hat…

Die unerträgliche Schrecklichkeit des Seins ist die Ursache der Verwirrung- so meint der Autor. Seine Figuren fühlen sich überall fremd; nicht nur im Exil, sondern auch in ihrer eigenen Heimat. „Der Mann“ in der Erzählung „Verirrt“ ist insofern beispielhaft. Er kehrt

nach einem Exilleben in seine Heimat, in seine Geburtsstadt zurück. Bei der Ankunft erinnert er sich an seine Kindheit, an seine Familie und Freunde, an seine vertraute Umgebung. Und nun ist er da. Trotz aller Änderungen erkennt er die Stadt und die Straße, in der er aufgewachsen ist, obwohl der Taxifahrer behauptet, dass „ es eine solche Straße nie gegeben hätte…Er sei schließlich seit zweiunddreißig Jahren Taxifahrer in dieser Stadt.“ Das gleiche Problem taucht auf, als er versucht, seine Familie ausfindig zu machen. Niemand kennt sie. Sie durften nicht existieren. In den Akten der Meldebehörde finden sich keine Angaben über ihre Existenz. Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, nimmt er einen Zug und fährt weiter: „ als der Zug losfuhr, fühlte ich mich wie ein Passagier, der sein Geld und seine Papiere zum zweiten mal verloren hat.“ Der Autor schreibt mit einer einfühlsamen Sprache, die manchmal fast zur Dichtung wird. Eine schlicht strukturierte Schreibweise, die ab zu mit der Technik der Rückblende gebrochen wird, schafft diese Sprache. Mit ihr werden Geschichten erzählt, in denen fast nichts passiert. Weil der Autor als Beobachter der Zustände ausschließlich daran interessiert ist, die Situation des Nach –dem -Geschehen darzustellen: Die Reaktion der Betroffenen also auf das für sie wichtigste Geschehen in ihrem Leben. Und da passiert etwas Interessantes: aus stabilen Zuständen werden „ Fälle“

Obwohl die Geschichten dieses Erzählbandes literarisch nicht alle gleich bewertet werden können, besonders „ Alltägliche Begegnungen in der Fremde „ oder „ Der Held meines Romans“, die unter der schwachen Struktur und der wenig ansprechenden Erzählweise leiden, ist der erste Erzählband des seit 1983 im Hamburger Exil lebenden Autors Mahmood Falaki ein Erlebnis.

Arkaden Nr. 3

Nowember 1992

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