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Die Schatten Roman

Anfang der 60er Jahre am kaspischen Meer im Norden Irans. Der Erzähler versucht, den vor 30 Jahren auf mysteriöse Weise geschehenen Mord an seinem Onkel aufzuklären....

 

 

 
Aus dem Persischen von Behzad Abbasi
Bremen, Sujet-Verlag 2003

2. Auflage (Taschnbuch): 2004, 10 Euro

ISBN : 3- 933 995- 07- 8
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www.sujet-verlag.de

Anfang der 60er Jahre am kaspischen Meer im Norden Irans. Der Erzähler versucht, den vor 30 Jahren auf mysteriöse Weise geschehenen Mord an seinem Onkel aufzuklären. Durch Fotos stellt er eine geheimnisvolle innere Beziehung zu seiner Kindheit her, kommt dabei mit außergewöhnlichen Menschen, der totalitären Funktion der Religion, der Welt der Frauen unter patriarchalischer Gesellschaft und der ersten Liebe in Berührung. Er erzählt von der Schöpfung einer anderen Welt, in die seine Figuren hin und wieder vor der zermürbenden Realität in eine sonst nicht existierende Fröhlichkeit fliehen.
Der Roman „Die Schatten“ erschien in der Originalfassung (persisch) im Jahre 1997 in Deutschland und hat keine Chance im Iran veröffentlich zu werden.

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Rezensionen:

 

1. taz

 

Unvermittelt aufblitzender Ernst

CAROLA EBELING

Gleich zu Beginn seines Romans Die ‎Schatten, den der iranische Autor Mahmood Falaki in einer persisch-‎deutschen Lesung im Literaturzentrum vorstellen wird, macht er die ‎Leser zu Zeugen eines poetologischen Disputs. Der Ich-Erzähler gibt sich ‎als Verfasser des Romans zu erkennen, der einem verdunkelten Teil ‎seiner Geschichte auf der Spur ist. Fotos sollen ihm helfen, die Er‎innerungssplitter, die er in sei¬ner Kinder- und Jugendzeit verortet, klarer ‎zu erkennen. Passfotos seiner selbst sind es, aufgenommen zwischen ‎dem zwölften und 16. Lebensjahr. Seine Versuche, Kontakt zu sich selbst ‎als Kind herzustellen, gestalten sich schwierig, insbesondere der 15-‎Jährige stellt sein Vorhaben in Frage: „Was nutzt es dir, eine alte ‎Geschichte aufzufrischen? Ich sage: Ich will die ganze Geschichte er‎zählen, die ganze, denn ich bin Schriftsteller geworden. (...) Wozu ‎brauchst du dann mich? Lass dir etwas einfallen! Das hilft mir, ‎einfacher und detaillierter zu schreiben. -Nein, damit willst du nur sagen, ‎dass du noch existiert."‎ Dennoch lässt der Erzähler sich nicht hindern, Erinnerung in einer ‎Geschichte zu verdichten. Auslöser der Spurensuche ist der Mord an seinem Onkel, doch der Erzähler taucht tief ein in seine ‎Kindheit und breitet das Leben in dem kleinen Ort am kaspischen Meer ‎im Norden des Irans zu Beginn der 6oer Jahre aus. Falaki entwirft einen ‎ganzen Reigen skurriler Figuren, erzählt viele kleine Geschichten, die er ‎fließend verwebt. Die Verwirrtheit der Tante Sadigheh, die stumm mit ‎kajalgeschwärzten Augen vor dem Haus sitzt und das Wetter ‎vorhersehen kann, scheint dem kindlichen Blick so vertraut wie komisch ‎verschroben. Dass die Tante eine große Schande über die Familie ‎gebracht hat, weil sie ein uneheliches Kind gebar; dass der Patriarch der ‎Familie es ihr wegnahm und umbrachte und sie seither nicht mehr die ist, ‎die sie war, erfährt man erst später. Alle Figuren Falakis sind Teil einer ‎größeren Gemeinschaft. Sie gehören zur Familie und sind in die ‎Dorfgemeinschaft eingebunden. Dem Autor gelingt sowohl die ‎lebendige Zeichnung dieses Miteinanders als auch die Hervorhebung der ‎einzelnen Charaktere. Nicht nur im Falle der Tante wird dabei die Unter‎worfenheit der Einzelnen unter die Gemeinschaft deutlich. Es ist eine ‎bemerkenswerte Beiläufigkeit, mit der sich aus eher leichtem Erzählton ‎unvermittelt Ernst und Tragik einer Figur herauskristallisieren. Ohne Bewertungen ‎skizziert Falaki die Sitten und Gebräuche. So erfährt der Leser von den ‎gesellschaftlichen Hierarchien, den patriarchalischen Familienstrukturen.‎ Dem kindlichen Blick, den der Erzähler über weite Strecken beibehält, ‎erscheinen auch die politischen Demonstrationen für den Schah komisch und absurd. Als wunderbare Groteske erzählt ‎Falaki die Episode vom Straßenbauwettbewerb, die im politischen ‎Kontext der Agrarreformen zu lesen ist. Weil ein Nachbar beginnt, die ‎Bäume seines Grundstückes zu fällen, folgen ihm die anderen im Glauben, bald würde eine neue Straße ihr Dorf mit der Hauptstadtverbinden. ‎Als die Erwartungen sich nicht erfüllen, beginnt die Suche nach einem ‎Sündenbock, und die Groteske schlägt um in eine Parabel über religiöse ‎Brandstiftung.‎ Falaki wurde unter dem Schah zu drei Jahren Haft verurteilt. Auch unter ‎dem Mullah-Regime wurde er aufgrund seiner Schriften verfolgt, so ‎dass er 1983 nach Deutschland emigrierte. Die von ihm entworfenen ‎Bildwelten erscheinen fremdartig, doch keineswegs unzugänglich. Das ‎Traditionelle und manchmal Phantastische verbinden sich mit modernen ‎Erzählelementen. Im Komischen und Grotesken liegt eine wunderbar ‎subtile Form des Kommentars zu den erzählten Geschehnissen. Auch die ‎Zweifel an der Verlässlichkeit der Erinnerung und die Reflexionen über ‎das Schreiben sind „klassische" Zeichen modernen, genauer: ‎postmodernen Erzählens. Über weite Strecken des Romans geht diese ‎Mischung sehr gut auf. Schade, dass die Übersetzung der dichten ‎Sprache nicht immer zu folgen weiß.

taz, 19 Februar 2004

 

2.
„Die Schatten“, ein Roman, der Keine Tabus kennt

Peter Schütt

Ein Buch, das verstört, befremdet und schockiert. nicht nur iranische Leser, die es nicht gewohnt sind, dass ihre Dichter so tief in die Niederungen und Abgründe des gewöhnlichen Lebens hinabsteigen, sondern auch die Leser der deutschen Übersetzung, die von einem Roman aus dem Orient, zumal aus Persien, immer noch einen fernen Abglanz von Tausendundeiner Nacht erwarten. Mahmood Falaki erzählt in „Der Schatten“ eine sehr beklemmende Geschichte. Sein Ich- Erzähler reist nach mehr als 30 Jahren an den Ort seiner Kindheit, ein armseliges Dorf nahe der Küste des Kaspischen Meeres, um die wie ein Albtraum auf ihm lastende Frage zu klären, wer damals seinen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Onkel ermordet hat. Der Fall bleibt entgegen der Logik des Kriminalromans kriminalistisch ungeklärt. Aber der Leser wird den Verdacht nicht los, dass der Erzähler als pubertierender Jugendlicher auf fatale Weise in den Mord verwickelt war und seither mit einer Schuld lebt, die unerklärlich und unaussprechlich bleibt- im Roman kenntlich gemacht durch mehrere leere Seiten. Das Geschehen spielt während der „Weißen Revolution“ des Schahs zu Beginn der sechziger Jahre. Mit brutaler Gewalt, mit List, aber auch mit falschen Versprechungen werden die Bauern zunächst befreit, aber im gleichen Atemzug wieder um ihren Grund und Boden gebracht. Sie werden zu Schuldnern und Bettlern gemacht und haben keine andere Wahl, als in den Slums von Teheran unterzutauchen. Die Ländereien werden verwüstet, die Bäume gefällt, das Vieh verhungert und verdurstet.

Mahmood Falaki entwirft ein wahres Pandämonium des sozialen, ökologischen und moralischen Verfalls. Aber es geht dem Erzähler nicht darum, eine sozialkritische Reportage zu liefern. Er sucht die Schuld nicht in den Machtverhältnissen, sondern bei den „Bauernopfern“ selber. Von heiler Welt, Dorfidylle und friedlicher Kindheit gibt es bei ihm keine Spur. Die Dorfbewohner sind vom Aberglauben in seiner primitivsten Form beherrscht. Sie kennen kein Recht und kein Gesetz, auch nicht die islamischen Gebote der Nachbarschaftshilfe und der mitmenschlichen Solidarität. Gewalt und Unterdrückung prägen die familiären und mikrosozialen Strukturen. Frauen und Kinder sind die Leidtragenden. Sie werden bei jeder Gelegenheit schikaniert, misshandelt und missbraucht. Der Heranwachstende, in den sich der Ich-Erzähler Stufe um Stufe hineinversetzt, leidet unter den beständigen Demütigungen und entwickelt eigene Gewaltphantasien, so dass der Leser es ihm am Ende zutraut, dass er selber zum Küchenmesser gegriffen hat, um seine Mutter zu rächen und zu beschützen.

Mahmood Falaki erzählt seine Geschichte mit großem zeitlichen, kulturellen und sozialpsychologischen Abstand zu den Ereignissen. Dennoch rückt dem Leser das Geschehen beklemmend nah. Selten hat ein zeitgenössischer Autor aus dem Iran so drängend nach der Schuld gefragt und deutlich gemacht, dass die Leichen im Keller der Vergangenheit aufgespürt, verarbeitet und bewältigt werden müssen, wenn der Weg in eine bessere Zukunft gefunden werden soll. Die persönliche Verstrickung des Ich- Erzählers wird so zum Gleichnis für die traumatischen Erfahrungen einer ganzen Nation. Soweit nach unten hat sich bisher kaum ein persischer Autor gewagt. Er verstößt gegen alle Doktrinen und Geschmacksregeln der zeitgenössischen iranischen Literatur und kennt sowohl in sprachlicher als auch stofflicher Hinsicht keine Tabus. Trotz aller Liberalisierung ist es schwer vorstellbar, dass ein solch selbstquälerisch nach Schuld und Sühne fragendes Buch in absehbarer Zeit im Iran selbst erscheinen kann. Mahmood Falaki, der vor zwanzig Jahren aus dem Iran geflohen ist und seither in Hamburg lebt, hat seinen Roman 1997 in einem Exilverlag veröffentlicht. Die jetzt im Bremer Sujet- Verlag erschienene Übersetzung ist zwar sprachlich korrekt, besitzt aber wenig von der plebejischen Direktheit des Originals. Dennoch vermögen Mahmood Falakis „Schatten“ mit ihrer an Dostojewski erinnernden Düsternis und Schuldbesessenheit auch deutsche Leser in den Bann zu ziehen, selbst wenn sie mit den iranischen Verhältnissen nur wenig vertraut sind.

Zeitschrift für KulturAustausch 1/2004

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