Home Erzählungen Hof des Friedens

Hof des Friedens

 

Auf die Frage, was ein Flüchtling sei, antwortete der vierjährige Sohn eines unserer Flüchtlingsfreunde: „Teilung“. Er hörte in den Auffanglagern, Flüchtlingsheimen und in den verschiedensten Warteschlangen vor den Ämtern seine Eltern, Freunde und Bekannte ständig vom Auf-, Ein-, Ver- und Zuteilung reden. Vom Flüchtlingsdasein hatte er sich vor allem dieses endlose Teilen eingeprägt.

 

 

 

Nur in den seltensten Fällen kann man nach Einreichen des Asylantrages an ein und demselben Ort wohnen bleiben. Normalerweise werden die Flüchtlinge bis zur endgültigen Entscheidung kleineren Städten und Dörfern zugeteilt. Diese Prozedur kann sich mehrmals wiederholen und Monate dauern. Sie führt zu einer Art Auflösung oder Zersetzung. Meine Frau und ich wurden nach mehrmaliger Ein- und Verteilung einer kleinen Stadt am Rhein namens Andernach zugeteilt. Ich muss gestehen, dass es eine schöne Stadt war.
Ich möchte Sie mit der Schilderung des prächtigen Flusses und der wunderbaren Landschaft auf keinen Fall langweilen. Vor allem deshalb nicht, weil es mir dann einige Landsleute übel nehmen könnten, dass ich in relativ kurzer Zeit eine so starke Sympathie für Deutschland entwickelt habe, als gäbe es in unserer Heimat Persien keine schöne Landschaft. Man muss aber zugeben, dass erstens jede Natur ihre eigene Schönheit besitzt, zweitens aber weiß ich nicht, warum die hiesige Natur so sauber und blitzblank ist als ob diese Heiden jeden Morgen ihre Natur mit Tauwasser glatt bügeln.Wir wanderten also schon zwei oder drei Wochen in dieser blühenden Umgebung, spazierten am Fluss entlang und schauten uns die wunderschönen Blumen an, die überall blühten. Wir bummelten durch die Geschäfte und liefen die einzige Straße des Ortes auf und ab. Solange wir nicht eines Tages einen Brief auf Deutsch erhielten, kam uns alles wunderbar und herrlich vor. Wie Adam und Eva vor ihrer Vertreibung aus dem Paradies zogen wir einfach so durch die Gegend. Die Monate des Ein- und Zuteilens waren schnell mit hitzigen und langen Debatten über Zeit und Ort des Zuteilens, sowie die Statistik und das Schicksal unserer zugeteilten Landsleute verflogen und wir vergaßen, dass wir uns in einem fremden Land befanden, dessen Sprache wir wie die Luft zum Atmen brauchten. Oh, was für ein Leichtsinn! Was sollten wir nun tun!? Wir verstanden kaum ein Wort Deutsch und kannten dort weder einen uns bekannten noch noch einen uns unbekannten Iraner. Vor der endgültigen Entscheidung über unseren Asylantrag hatten wir weder die Erlaubnis, unseren Wohnort zu verlassen, noch das Geld für eine Reise. Wir fühlten uns wie Schiffbrüchige, die auf einer unbewohnten, verlassenen Insel gestrandet waren. Die Fremde hatte sich heimlich hineingeschlichen uns sich zu uns gestellt. So war also die Fremde!? Wir waren also in das Bodenlose hineingestürzt und stürzten immer tiefer. Aber es ist nun mal so mit dem Exil: man ist gezwungen, die Bedingungen zu akzeptieren. Ein persisches Sprichwort sagt: „Wer im Winter Honigmelonen essen möchte, muss auch das Zittern in Kauf nehmen.“ Aber wenn es nur das Zittern vor Kälte wäre! Daran hatten wir uns ja schließlich auf unserer Flucht durch die Berge der Türkei gewöhnt. Dort auf den Bergen hatten wir schon mal gezittert, aber nicht nur vor Kälte. Wir hatten aus Angst vor den Grenzposten gezittert; wir hatte aus Angst vor dem Absturz in den tiefen Abgrund, der sich in der Finsternis vor unseren Füßen auftat, gezittert, und auch die Angst, dass die Schlepper uns ausrauben und in der Einöde verlassen könnten, ließ uns erzittern. Dort sind wir oft von diesem Gefühl heimgesucht worden. Das Gefühl der Einsamkeit ließ unsere Körper erzittern War die Fremde also identisch mit Einsamkeit? Dann müssten ja sich viele im eigenen Land fremd fühlen, sagte ich mir.

Als wir den Brief öffneten, verstanden wir nichts als unsere Namen. Ich lief die Zweimeterfünfzig Länge des Zimmers verzweifelt auf und ab und fiel meiner Frau und mir selbst auf die Nerven, bis plötzlich meine Frau rief: „Das Wörterbuch!“. So was fällt mir natürlich nie ein. Jawohl, das Wörterbuch: Die Lösung aller Sprachprobleme. Wir waren etwas erleichtert. Die Fremde lockerte ihre Klauen um unseren Hals.

Durchgeschwitzt von mehrstündiger intensiver Beschäftigung mit dem Wörterbuch begann ich, während meine Frau mir ständig „Tee“ vorsetzte, allmählich den Brief zu begreifen. Nebenbei muss ich gestehen, dass wir damals die Europäer nachmachend Kaffee tranken. Er schmeckte mir zwar nicht so gut wie der Tee, aber man musste ja irgendwann mit der Eingliederung in die fremde Kultur beginnen. Ich hätte also eigentlich lieber „Kaffee“ schreiben sollen.

Der zentrale Begriff in diesem Brief war das Wort „Friedhof“. Da ich das Wort „Hof“ schon oft gehört hatte, dachte ich mir, dass Friedhof aus den zwei Wörtern „Fried“ und „Hof“ besteht. Ich blätterte in meinem Deutsch-Persischen Wörterbuch nach den beiden Wörtern.

Ich fand nur die beiden Wortbestandteile: danach bedeutete „ der Hof“ ein zum Haus gehörender Platz und „der Friede“ hieß so etwas wie Versöhnung und Ruhe. „Friedhof“ hieß also „der Hof des Friedens“.
Neben diesen beruhigenden Worten war im Brief auch von „arbeiten“ die Rede. Plötzlich ergriff mich ein übersprudelndes Gefühl der Freude. Sie hatten also erfahren, dass ich ein Schriftsteller war und möchten mich an einem ruhigen Ort arbeiten lassen. Was für ein gebildetes, Kunstliebendes und Kunstförderndes Volk! Ich dachte daran, dass man in meiner eigenen Heimat den Wert meiner Arbeit nicht zu schätzen wusste- und hier? Na ja, auch das macht den Unterschied zwischen entwickelten und unterentwickelten Kulturen aus. Wie Konnten wir nur früher diese Heiden als Plünderer und Ausbeuter bezeichnen. Wenn das der Imperialismus sein sollte, wäre ich sogar bereit für ihn mein Leben zu opfern. An jenem Abend feierten wir und stießen auf den „Friedhof“ an. Am Tag darauf ging ich zur Behörde, die uns diesen Brief geschickt hatte und für die Angelegenheiten der Flüchtlinge zuständig war. Ich zog mich schick an und parfümierte mich sogar, damit alle merkten, dass sie es nicht mit einem normalen Menschen zu tun hatten.
Umhüllt von einer duftenden, sauberen und seelisch frischen Aura ging ich ins Amt hinein. Der zuständige Sachbearbeiter freute sich über meine offenkundig gute Stimmung und war im Vergleich zu früheren Tagen viel freundlicher. Seine Augen hinter seinen starken Brillengläsern kamen mir nicht mehr verschwommen vor. Ich nahm zum ersten Mal ihre blaue Farbe wahr. Ich weiß nicht, warum ich sie immer rot in Erinnerung hatte. Ich merkte, dass er von meiner künstlerischen Tätigkeit erfahren haben musste. Wie andere sprachunkundige Flüchtlinge antwortete ich auf seine Fragen ein paar Mal mit „Ja, ja“, um zu zeigen, dass ich ihn verstehe. Daraufhin gab er mir eine Adresse und schickte mich mit einem Schreiben los. Ich glaubte, vor Glücksgefühl in der Luft zu schweben. Obwohl ich auf der Suche nach der Adresse zwei Stunden hin und her lief, spürte ich nicht das geringste Anzeichen von Müdigkeit. Später fand ich heraus, dass es von der genannten Behörde bis zu meinem ersehnten Paradies nur eine Viertelstunde zu laufen war und dass ich mich zwei Stunden im Kreis gedreht hatte.
Ich erreichte also den „ Hof des Friedens“. Jawohl, am Eingang stand „Friedhof“. Ich hatte mich also nicht geirrt. Einen kurzen Blick über den Zaun auf die schönen bunten Blumen, die sehr gepflegt und ordentlich in kleinen Beeten eingepflanzt waren, beseitigten jeden Zweifel in mir. Pfeifend und zufrieden schritt ich auf eine kleine Bude zu, die am Eingangstor stand. Hinter dem Tisch saß ein Mann, der wider Erwarten ziemlich grimmig aussah. Ich dachte, dass er mich eben noch nicht kenne, aber sobald er den Brief und meinen Namen sähe, würde sich sein Gesicht schon erhellen.
Lächelnd gab ich ihm den Brief in die Hand. Als der Mann ihn las, warf er mir einen verächtlichen Blick zu, sein Gesicht wurde noch grimmiger. Ich hatte das Gefühl, als erfasse eine Welle die glatten blonden Haare seines Kinnbartes und lasse sie dann wie Stacheln gerade stehen. Er stand auf und sagte etwas, was ich nicht verstand. Ich antwortete trotzdem wieder mit einem „Ja, ja“. Er sah mich verwundert an. An seinem Gesichtsausdruck merkte ich, dass mein „Ja, ja“ ziemlich fehl am Platze war. Er ging vor mir aus der Bude und ich folgte ihm auf einem kleinen Weg, an dessen Seiten Blumen eingepflanzt waren. Wir erreichten bald einen kleinen Schuppen. Unterwegs fiel mir auf, dass in den Blumenbeeten Kreuze steckten. „Sie sind nun mal Christen“, dachte ich, „ und das Kreuz ist das Symbol des friedliebenden Jesus und dies hier ist wohl der Hof des Friedens!“
Ich ließ mich durch keine bösen Gedanken beunruhigen, obwohl ich ehrlich gesagt zugeben muss, dass mich der Anblick der kleinen Kammer als mein künftiger Arbeitsplatz schon etwas enttäuschte. Sollte dies wirklich mein zukünftiger Arbeitsplatz sein? Das gefiel mir überhaupt nicht.
Der Herr Griesgram verschwand in der Dunkelheit der Kammer und kehrte mit einer Schaufel und einem großen Besen zurück und drückte mir dieselben in die Hand. Als er meinen verwunderten Gesichtsausdruck sah, stieß er mich am Arm und gestikulierte in einer international verständlichen Sprache die Bewegungen von Kehren und Schaufeln und sagte ständig:“ Arbeiten, arbeiten!“

In: Verirrt (Erzählungen). IKW-Verlag 1992
Aus dem Persischen: Kaweh Parand

E-Mail: آدرس ایمیل جهت جلوگیری از رباتهای هرزنامه محافظت شده اند، جهت مشاهده آنها شما نیاز به فعال ساختن جاوا اسكریپت دارید

Add comment


Security code
Refresh